Jeder, der eine Dienstleistung im Sport oder Fitness Bereich anbietet, kennt sie: Die Leute, die ins Studio kommen, einige Wochen super fleißig mit ihrem inneren Schweinehund ringen – und dann nicht mehr auftauchen. Bei klassischen Fitness Studios liegt die Karteileichen-Quote bei um die 80 % – mit anderen Worten, wenn bei einem normalen Studio alle Kunden plötzlich trainieren wollten – dann wäre sofort wegen Überfüllung geschlossen. In meinem Studio liegt die Quote eher so bei 10-20% und ich versuche diese auch noch aktiv zu drücken. Was bewegt einen Menschen, teilweise beachtliche monatliche Zahlungen zu leisten ohne die bezahlte Leistung auch in Anspruch zu nehmen. Sie zahlen sozusagen mehr für die Möglichkeit als für die tatsächliche Leistung. Aus kaufmännischer Sicht, könnte es mir einfach recht sein – ich halte meine Füße still und lass das Geld einfach weiter kommen. Leider bin ich Überzeugungstäter und damit ist die kaufmännische Sicht nicht meine einzige (und nicht mal die wichtigste), viel wichtiger ist mir zu verstehen, warum diese Menschen denn überhaupt bei mir angemeldet sind.
Darum spreche ich regelmäßig mit denen, die ich im Training nicht zu Gesicht bekomme und versuche sie zu aktivieren. Im positiven Fall nimmt mein Gesprächspartner ein solches Gespräch zum Anlass wieder ins Training zu kommen. Ein absolutes High-lite für mich ist, wenn jemand es nach einem solchen Gespräch schafft, nicht nur ein/zwei mal zu kommen, sondern es sogar schafft eine regelmäßige Trainingsroutine zu etablieren. Häufiger ist allerdings das ein paar Wochen oder gelegentlich Monate vergehen, bevor wir das Gespräch einfach nochmal führen 😉
Das eigentliche Bedürfnis
Welches Bedürfnis verbirgt sich nun hinter der Bereitschaft dieser Menschen Geld für eine Leistung auszugeben, die sie gar nicht in Anspruch nehmen – ja, die sie gar nicht in Anspruch nehmen können, wie sie mir regelmäßig wortreich versichern? Aus den vielen Gesprächen, die ich geführt habe, schließe ich, dass die meisten wirklich gerne trainieren würden – sich aber nicht erlauben sich die Zeit dafür zu nehmen. Sind wir ehrlich – nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie die Zeit – jeder bekommt 24 Stunden, jeden Tag, ob er sie braucht oder nicht. Manch einer schafft es ein paar mal pro Woche eine Stunde für Sport davon abzuzwacken – und anderen gelingt das partout nicht. Jeder schafft es dagegen jeden Tag mindestens eine Stunde mit Essen zu verbringen, 6-8 Stunden mit schlafen und die meisten auch noch 8-10 Stunden damit zu arbeiten. Warum ist es denn für viele so schwer Zeit für Sport zu finden und warum gelingt es machen so scheinbar mühelos?
Ich denke die Antwort ist recht einfach: Seinen eigenen Hintern regelmäßig zu Sport zu tragen ist eine Gewohnheit, wie fast alles im Leben. Ich denke die Evolution hat uns Gewohnheiten als Hilfsmittel mitgegeben, damit wir nicht jeden Morgen wieder überlegen müssen, was wir jetzt eigentlich mit unserem Tag anfangen wollen. Gewohnheiten sind nicht rational, wer einmal eine entwickelt hat, versucht diese in der Regel weiterzuführen, auch wenn die Notwendigkeit oder der ursprüngliche Nutzen längst weggefallen ist. Darum stehen die meisten Rentner auch lange nach ihrer Pensionierung noch früh morgens auf. Das meiste, was wir regelmäßig tun, wird zu einer Gewohnheit und so ist es schwer, wenn der rationale Verstand (oder vielleicht der Onkel Doktor) uns plötzlich befiehlt, uns mehr Bewegung zu verschaffen, dementsprechend zu handeln. Erstens muss eine neue Gewohnheit (nämlich ins Training zu gehen) etabliert werden und zweitens müssen andere liebgewordene Gewohnheiten zu verändert werden, dass die Neue überhaupt Platz findet. Beides sind mit die schwierigsten Unterfangen, die wir uns selbst auferlegen können.
Darum gilt:
Der Held ist nicht, wer aus lebenslanger Gewohnheit Sport macht und tolle Leistungen bringen kann, sondern der, der es schafft seine lebenslangen Gewohnheiten zu verändern und in Bewegung zu kommen. Ihnen gebührt unser Respekt, auch wenn wir, die wir es gewohnt sind unseren Bewegungsdrang auszuleben, das gerne mal vergessen, wenn wir jemanden bei seinen ersten Versuchen eine ordentliche Liegestütze (oder sogar einen Klimmzug) zu machen beobachten.
Bewegung ist ein Grundbedürfnis
Viele Zeitgenossen glauben, Sport sei eine Freizeitaktivität – also etwas, das man dann tut wenn eben genug Zeit da ist. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein:
Bewegung ist, wie essen und schlafen, eines unserer Grundbedürfnisse. Das ist nicht nur ein schlauer Spruch, sondern mittlerweile eine wissenschaftlich vielfach bewiesene Tatsache. Regelmäßige Bewegung unterstützt unsere Immun-Abwehr, befreit uns von Stress, hilft der Verdauung und lässt sogar unser Gehirn besser funktionieren (absolute Leseempfehlung, leider Englisch).
Wer dieses Grundbedürfnis ignoriert, der zahlt dafür den Preis!

Niemand würden freiwillig auf Essen oder Schlafen verzichten – warum verzichten wir auf auf Bewegung.
Die Gründe, warum keine Zeit ist dem eigenen Körper eine artgerechte Behandlung angedeihen zu lassen sind immer die gleichen:
Zeit für die Kinder
Gerade von Eltern höre ich oft „Ja, seit ich Kinder habe, hab ich keine Zeit mehr für Sport.“ Achtung Denkfehler! Eure Kids brauchen Euch jetzt, aber auch noch in 20, 30 oder 40 Jahren – und zwar fit und gesund und nicht als Pflegefall in einem Altenheim! Ganz nebenbei: Was für ein Beispiel gebt ihr denn Euren Kindern, wenn ihr ihnen vermittelt dass regelmäßige Bewegung nur etwas für junge Menschen ist und man als Erwachsener für sowas keine Zeit mehr nehmen kann.
Schmerzen
Ein anderes häufiges Hindernis sind chronische Beschwerden. Ja, ich verstehe, dass es schwer fällt sich zu einer Aktivität zu motivieren die möglicherweise Schmerzen auslöst. Aber praktisch jede chronische Erkrankung im Bewegungsapparat profitiert von einer starken Muskulatur. Wer wartet, wartet in den meisten Fällen nur darauf, dass es noch schlimmer wird. Selbst wenn die Beschwerden bei Schonung manchmal verschwinden – die Ursache der Beschwerden wird es nicht. Und absolut jede Schwachstelle in unserem Körper kommt früher oder später zu tage – je später um so schwerer ist es damit zu leben. Wer nichts schweres Heben will, um Beschwerden zu vermieden, wird irgendwann gar nichts mehr heben, wer nicht rennen will, wird irgend wann nicht mehr gehen.
Die Arbeit
Arbeiten ist wichtig – Karriere ist wichtig! Aber weder Arbeit, noch eine Karriere lassen sich realisieren, wenn man krank ist. Die meisten Manager und als ehemaliger IT-Berater habe ich davon eine Menge kennengelernt, finden in ihren überfüllten und stressgeplagten Arbeitstagen Zeit sich zu bewegen. Denn sie haben eines verstanden – nur wer körperlich auf der Höhe ist, kann auch im Job Spitzenleistungen bringen. Und sind wir mal ehrlich: Die Zeiten, in denen man einen Job nach der Lehre anfängt und mit 65 darin in Rente geht, sind lange vorbei – es gibt bei jeder Stelle eine Zeit danach und dann musst Du noch Gas geben können.

Die Aufgabe des Trainers: sanft in die richtige Richtung schieben.
Jeder Trainer hört regelmäßig alle diese Argumente – und kennt die Gespräche, die sich daraus entwickeln. Wer seinen Schützlingen nachhaltig helfen will, muss ehrlich, aber mit Fingerspitzengefühl versuche auf seinen Gesprächspartner einzuwirken. Es geht nicht darum recht zu behalten, sondern dem anderen dabei zu helfen, zu erkennen, das jede Investition, zeitlich wie auch finanziell, die darauf abzielt unsere Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu erhalten eine Investition in die Zukunft ist.
Wer sich nicht rechtzeitig Zeit für die Gesundheit nimmt, muss später Zeit für die Krankheit haben – Unbekannt